Molecular Partners AG

Molecular Partners halbiert Belegschaft, wird das Geld knapp?

Der Schweizer DARPin-Spezialist Molecular Partners richtet sich vollständig auf Radiopharmazeutika aus und will bis zu 55 Stellen streichen. Das Geld in der Kasse reicht nach Unternehmensangaben noch bis Ende 2027. Doch hinter dem strategischen Umbau steht auch eine zunehmend angespannte Finanzierungslage. Die breite Pipeline dürfte künftig deutlich stärker priorisiert werden (müssen).

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Bei Molecular Partners (Schlieren, Schweiz) wird der Rotstift angesetzt. Bis zu 55 Stelen will das Schweizer Biotech-Unternehmen streichen. Das entspricht rund 44% der Belegschaft. Der Personalabbau soll bis zum zweiten Quartal 2027 umgesetzt sein, die volle Kostenentlastung allerdings erst in der zweiten Jahreshälfte eintreten. Offiziell begründet das Unternehmen den Schritt mit einer strategischen Fokussierung auf seine Radio-DARPin-Pipeline. Dass dabei auch die finanziellen Möglichkeiten und Beschränkungen eine wesentliche Rolle spielen, liegt allerdings nahe.

Kein neues Geld in Sicht

Zum 30. September verfügte Molecular Partners noch über liquide Mittel von 57,5 Mio. Schweizer Franken (rund 69 Mio. US-Dollar). Damit sollen die laufenden Ausgaben und Investitionen nach aktueller Planung bis Ende 2027 finanziert werden können. Im ersten Halbjahr hatte der Kassenbestand noch 67,9 Mio. Franken betragen. Der Mittelabfluss bleibt also beträchtlich. Für das Gesamtjahr 2026 rechnet das Unternehmen mit Betriebsausgaben von 50 bis 55 Mio. Franken.

Besonders aufschlussreich ist ein Hinweis im Finanzbericht: Molecular Partners spricht ausdrücklich von einer wesentlichen Unsicherheit, die Zweifel an der Fähigkeit zur Fortführung des Unternehmens begründen könnte. Seit der letzten Kapitalerhöhung im Oktober 2024 sei es nicht gelungen, weitere Finanzmittel einzuwerben. Die Bemühungen um zusätzliche Finanzierung liefen weiter. Als Möglichkeiten nennt das Unternehmen eine direkte Aktienemission oder alternative Finanzierungsstrukturen. Die Personalkürzungen sind damit nicht nur eine Frage der strategischen Effizienz, sondern auch ein Versuch, die verbleibenden Mittel möglichst lange für die aussichtsreichsten Programme zu sichern.

Radiopharmazeutika statt breiter DARPin-Pipeline

Der Umbau ist zugleich eine deutliche Abkehr von der bisherigen Breite des Unternehmens. Molecular Partners wurde 2004 gegründet und hat sich mit sogenannten Designed Ankyrin Repeat Proteins (DARPins) eine eigene Wirkstoffklasse aufgebaut. Die kleinen, künstlich designten Proteine lassen sich hochspezifisch an Zielstrukturen binden und können als eigenständige Therapeutika oder als Träger für Wirkstoffladungen eingesetzt werden.

Künftig sollen vor allem Radio-DARPins im Mittelpunkt stehen. Dabei transportieren die DARPin-Moleküle radioaktive Isotope gezielt zu Tumorzellen. Das Konzept ähnelt grundsätzlich anderen Radioliganden, etwa Novartis‘ Pluvicto, setzt aber auf eine andere Vektortechnologie. Molecular Partners verfolgt dabei einen isotopenunabhängigen Ansatz, bei dem unterschiedliche radioaktive Alphastrahler wie Blei-212 oder Actinium-225 mit den jeweiligen Zielstrukturen kombiniert werden können.

CEO Patrick Amstutz begründet die Neuausrichtung mit den ersten klinischen Erkenntnissen aus dem führenden Kandidaten MP0712. „Encouraged by the emerging Phase 1/2a data from MP0712“, sei nun der richtige Zeitpunkt, sich auf zielgerichtete Radiotherapie zu konzentrieren, erklärte er. Die klinischen Daten sollen 2027 zeigen, ob sich die Erwartungen auch hinsichtlich der Wirksamkeit bestätigen.

MP0712 richtet sich gegen DLL3, eine Zielstruktur, die insbesondere bei kleinzelligem Lungenkrebs (SCLC) und anderen neuroendokrinen Tumoren relevant ist. Der Kandidat wird gemeinsam mit Orano Med entwickelt und trägt das Alphastrahler-Isotop Blei-212. Die Phase I/IIa-Studie in den USA hat die zweite Dosisstufe vollständig rekrutiert. Erste Sicherheitsdaten sollen im Dezember 2026 vorgestellt werden, Wirksamkeitsdaten sind für 2027 angekündigt. In der ersten Dosisstufe wurden bislang keine dosislimitierenden Nebenwirkungen beobachtet; die berichteten unerwünschten Ereignisse waren leicht bis moderat.

Drei Radio-DARPin-Kandidaten – aber wie viele Entwicklungsprogramme?

Neben MP0712 hat Molecular Partners mit MP0726 einen zweiten Radio-DARPin-Kandidaten in der Pipeline. Dieser richtet sich gegen Mesothelin (MSLN), eine Zielstruktur, die unter anderem bei Eierstockkrebs häufig auf Tumorzellen vorkommt. Für MP0726 ist zunächst eine erste Untersuchung am Menschen mit bildgebenden Verfahren vorgesehen.

Erst am 22. Oktober hatte das Unternehmen zudem MP0730 als dritten Kandidaten seiner Radiopharma-Pipeline ausgewählt. Der Wirkstoff richtet sich gegen CD70, das unter anderem bei klarzelligem Nierenzellkarzinom überexprimiert ist. Präklinische Untersuchungen in tumortragenden Mäusen zeigten nach Unternehmensangaben eine ausgeprägte und anhaltende Anreicherung im Tumorgewebe im Vergleich zu gesundem Gewebe. Der Start einer ersten klinischen Studie ist für Mitte 2027 vorgesehen.

Die zeitliche Nähe dieser Meldung zum nun angekündigten Personalabbau ist erstaunlich. Molecular Partners präsentierte die Auswahl von MP0730 noch als weiteren Ausbau seiner wachsenden Radiopharma-Pipeline. Nur eine Woche später kündigt das Unternehmen an, bis zu 44% seiner Mitarbeiter zu entlassen. Daraus leitet sich für Beobachter schon die Frage ab, wie viele Entwicklungsprojekte mit der künftig deutlich kleineren Organisation tatsächlich parallel vorangetrieben werden können oder ob nach der Personalschrumpfung als nächstes auch die Pipeline eine Fokussierung erleben wird.

Ein weiterer DLL3-Kandidat, MP0714, wird zudem im Rahmen eines Early-Access-Programms in Südafrika untersucht. Hier arbeitet die Nuclear Medicine Research Infrastructure (NuMeRI) mit dem Unternehmen zusammen. Der Kandidat wird mit unterschiedlichen Isotopen für Bildgebung und Behandlung eingesetzt.

Andere DARPin-Programme nur noch mit Partnern

Noch deutlicher wird die Priorisierung beim Blick auf die übrige Pipeline. Molecular Partners entwickelte bislang auch sogenannte Immune Cell Engagers, darunter multispezifische T-Zell-Engager. Diese Programme sollen künftig nicht mehr im Zentrum der eigenen Entwicklungsaktivitäten stehen. Das Unternehmen will das Potenzial seiner DARPin-Plattformen, einschließlich der Switch-DARPins, vielmehr über strategische Partnerschaften und mögliche Ausgründungen weiterverfolgen.

Dazu gehören MP0533, ein tetravalenter T-Zell-Engager gegen akute myeloische Leukämie (AML), MP0317, ein FAP-gerichteter CD40-Agonist, sowie der präklinische Kandidat MP0632, ein logisch gesteuerter T-Zell-Engager. Für MP0533 sollen im Dezember Ergebnisse aus der abgeschlossenen Dosissteigerungsphase auf der ASH-Tagung vorgestellt werden. Bei MP0317 läuft eine Phase II-Studie, während für MP0632 neue präklinische Daten angekündigt sind.

Das bedeutet nicht, dass diese Programme eingestellt werden. Ihre Weiterentwicklung soll jedoch stärker von externen Partnern oder eigenständigen Spin-outs abhängen. Für Molecular Partners ist das eine Möglichkeit, den Wert der über Jahre aufgebauten DARPin-Technologie zu erhalten, ohne die dafür erforderlichen Entwicklungskosten vollständig selbst tragen zu müssen.

Der Umbau ist auch eine Wette auf die Radiopharmazie

Mit der Konzentration auf Radio-DARPins setzt Molecular Partners auf ein Gebiet, in dem sich derzeit zahlreiche Biotech-Unternehmen und Pharmakonzerne positionieren. Die Kombination aus präziser Tumoradressierung und hochwirksamer radioaktiver Strahlung gilt als vielversprechender Ansatz, insbesondere bei schwer behandelbaren Tumoren. Gleichzeitig sind die klinische Entwicklung und die Herstellung solcher Wirkstoffe anspruchsvoll. Hinzu kommen Anforderungen an Isotopenversorgung, Produktionslogistik und die Verfügbarkeit nuklearmedizinischer Infrastruktur.

Molecular Partners hat mit Orano Med einen Partner an seiner Seite, der Erfahrung mit Alphastrahlern einbringt. Das Unternehmen verfügt damit über wichtige externe Kompetenzen entlang der Entwicklungskette. Dennoch bleibt der Kapitalbedarf erheblich, insbesondere wenn mehrere Kandidaten parallel in die klinische Entwicklung gebracht werden sollen.

Die angekündigte Verkleinerung der Organisation dürfte deshalb auch eine Neuverteilung der verfügbaren Ressourcen bedeuten. Im Mittelpunkt stehen zunächst MP0712 und die Weiterentwicklung der beiden jüngeren Programme MP0726 und MP0730. Ob alle drei tatsächlich in den angekündigten Zeitfenstern vorankommen, wird nicht zuletzt davon abhängen, ob Molecular Partners zusätzliches Kapital oder weitere Entwicklungspartner gewinnen kann.

Die Botschaft des Unternehmens lautet: weniger Programme, dafür mehr Fokus auf eine Technologie, die klinisch erste ermutigende Signale liefert. Die andere Lesart ist weniger komfortabel: Molecular Partners muss seine Ambitionen an die verfügbaren finanziellen Mittel anpassen. Das ist im Prinzip auch nichts Ungewöhnliches. Doch die Hauptfrage bleibt, ob ein Investor oder Pharmapartner für seine Radioliganden-Strategie ausgerechnet auf ein schwankendes kleines Schiff setzen wird. Hier werden nur baldige positive Nachrichten helfen, das Vertrauen zurückzugewinnen.

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